Donnerstag, 18. Oktober 2007

Die Antiquität

"Ich ging in ein Antiquitätengeschäft und entdeckte in einer Ecke eine Figur, die einen jungen Mann mit Bart in natürlicher Größe darstellte. Die Figur stand zwischen einer Empire-Uhr und einer Vase aus der Ming-Epoche.
"Aus Wachs oder aus Elfenbein?" fragte ich den Geschäftsinhaber.
"Weder das eine noch das andere. Das ist ein lebendiger Revolutionär aus dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, authentisch. Vielleicht kaufen Sie ihn?"
"Kostet so ein Revolutionär viel?"
"Ach was, ich geb`ihn spottbillig her, jetzt sind die Revolutionäre sehr preiswert geworden. Ich habe noch zwanzig im Magazin. Ehrlich gesagt, als Antiquität hat er fast keinen Wert wegen des übermäßigen Angebots."
"Und was für einen Nutzen soll er haben?"
"Sie stellen ihn zu Hause hin, und er wird Sie revolutionieren."
"Was heißt das?"
"Er wird Ihnen das Geschirr zerschlagen, die Klinken rausreißen, den Teppich im Salon beschmutzen... Ganz normal, eben wie ein Revolutionär."
"Und das nennen Sie nützlich? Das sind doch nur Schäden!"
"Ja, langweilen Sie sich nicht im Leben? Na, gestehen Sie es nur!"
Ich schloss die Augen. Und in meiner Fantasie sah ich das Geschirr in der Küche wie immer ordentlich auf den Regalen stehen, die Klinken in den Türen, ewig an demselben Ort, der Teppich im Salon stets blitzsauber... Tatsächlich, was für ein Mangel an Perspektiven, was für eine Langeweile...
"Gut, ich nehme ihn."
"Einpacken?"
"Nein, er wiegt ja wenigstens siebzig Kilo, er kann selber laufen."
Er verprügelte mich gleich auf der Straße. Und ich spürte sofort, daß in meinem Leben etwas passierte."
(Slawomir Mrozek - Die Antiquität ISBN 3-257-06453-5 diogenes)


Ich sollte mich auch nach einem umsehen.




1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Ja, feines Buch. Sehr empfehlenswert.

glumdalclich